
- Warren Fahy: Biosphere - Rowohlt Verlag
Warren Fahy rückt in seinem Wissenschaftsthriller “Biosphere” (im Original “Fragment”) von 2009 eine ethische Frage in den Mittelpunkt; die Frage nach der Berechtigung des Menschen über Leben und Tod anderer Lebewesen zu entscheiden?
In seiner Geschichte über ein über Jahrmillionen isoliertes Ökosystem einer Insel im Südpazifik, auf der sich ganz andere Lebensformen entwickeln konnten, lässt er deshalb zwei gegenläufige Positionen aufeinandertreffen.
“Biosphere” von Warren Fahy - ein Kurzinhalt
Als die "Trident", ein Schiff, von dem aus die Reality-Show, “Sea Life”, übertragen wird, ein Notsignal empfängt, das sie zu einer unerforschten Insel führt, wittert die Crew aus Filmleuten und Wissenschaftlern eine große Chance. Doch der Landgang soll sich als fataler Fehler entpuppen, denn die Insel beherbergt Pflanzen und Lebewesen, die ihnen gänzlich unbekannt sind, aber auch tödlich.
Und diese Gefahr könnte sich als größte Bedrohung für den Menschen entpuppen, sollte auch nur ein , sich selbst reproduzierender, Organismus auf das Festland gelangen.
Töten oder getötet werden?
Warren Fahy versteckt in seinem spannenden Thriller die große Frage, mit welchem Recht der Mensch über Leben und Tod anderer Lebewesen entscheidet? Ein sich selbst im Gleichgewicht haltendes Ökosystem besteht im beispielsweise Tierreich aus Jägern und Gejagten und die Zahl der gejagten Tiere übersteigt immer die Zahl der jagenden Tiere, wie es auch in “Biosphere” auf “Henders Island” der Fall ist. Der Mensch greift aber doch mit seinem sogenannten intelligenten Verhalten in dieses Gleichgewicht ein und nimmt deshalb eine Sonderstellung ein, die ihn in der Nahrungskette höher stellt. Der Mensch will nur Jäger sein und nicht selbst zum Gejagten werden, weshalb er auf mögliche Bedrohungen für Leib und Leben oft vorsorglich mit Gewalt reagiert. Töten oder selbst getötet werden, lautet das Motto, das sich in “Biosphere” durch die Entscheidung, die Insel zu bombardieren und somit alles Leben dort komplett auszulöschen, bevor die Lebewesen zur Gefahr für das menschliche Fortbestehen werden könnten, ausdrückt.
Doch dann entdecken einige Wissenschaftler intelligente Wesen, die im Einklang mit der dortigen Natur leben und wollen diese vor der Vernichtung retten.
Darf der Mensch über Leben oder Tod anderer Lebewesen entscheiden?
Die Frage, die in Verbindung mit einer eventuellen Rettung der intelligenten Spezies auftaucht, ist ebenfalls ethischer Art und lautet: Mit welchem Recht entscheiden die Menschen, welche anderen Lebewesen es wert sind, wie hier zum Beispiel, gerettet zu werden? Das heißt, darf der Mensch einfach so über Leben und Tod anderer Lebewesen entscheiden? Und richtet er mit seinen Entscheidungen nicht allgemein Unheil für das ökologische Gleichgewicht an?
Fahy lässt in seinem Thriller einen Zoologen die These vertreten, dass der Mensch Gift für das Gleichgewicht jedes Ökosystems ist und es aufgrund seiner vermeintlichen Intelligenz komplett durcheinander bringt. Schon im Prolog zitiert Fahy aus einem fiktiven Werk mit dem Namen “Almost Destiny” und lässt durchblicken, dass der Mensch, oft ungewollt, aber dennoch durch sein Verhalten provoziert, das Ökosystem einer Insel zum Beispiel in Gefahr gebracht hat, indem Lebewesen importiert wurden, die sich als Feinde einer oder mehrerer einheimischen Spezies entpuppt hatten und der Mensch und seine Intelligenz damit indirekt zur größten Gefahr geworden ist.
“Biosphere” - ein Thriller mit Tiefgang, lehrreichen Passagen und einigen Seitenhieben
Warren Fahy hat mit “Biosphere” einen Thriller geschaffen, der das menschliche Verhalten gegenüber Mitlebewesen überdenken lässt und der die Frage in den Raum wirft, mit welchem Recht der Mensch solche Entscheidungen trifft? Das heißt, bedeutet vermeintliche Intelligenz wirklich die größte Gefahr für ein Ökosystem wie das der Erde?
Neben dem anregenden Gedankengut baut Fahy zudem auf Wissen und Fakten aus dem Bereich Biologie und der Erdentstehungsgeschichte, durch die der Leser noch etwas lernen kann. Und er lässt auf interessante Art und Weise die gegenläufigen Theorien, dass Intelligenz eine Gefahr für jegliches ökologisches Gleichgewicht ist und dass der Mensch im Einklang mit der Natur leben würde, aufeinanderprallen.
Aber Fahy versteht es auch, Seitenhiebe auf “Captain Kirk” und die “Enterprise” und die menschenfressende Pflanze “Audrey II” aus dem Musical “Der kleine Horrorladen” auszuteilen. Und er verweist auf ein fiktives Werk über “Henders Island“, geschrieben von den Hauptcharakteren des Romans nach deren Rückkehr, mit Zeichnungen (von Daren Bader) der dort lebenden Tiere und anderen Auszügen, die den Thriller nicht nur optisch aufpeppen und realer erscheinen lassen.
Warren Fahy: Biosphere, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010, 496 Seiten, 9,95 €
