Mystery-Thriller von Tom Harper: Der vergessene Tempel

Tom Harper: Der vergessene Tempel - Verlag rororo
Tom Harper: Der vergessene Tempel - Verlag rororo
Was hat ein Meteorit mit Homers "Ilias" und dem Mythos um Achilles zu tun? Und was wäre, wenn aus dem Mythos historische Gewissheit würde?

Der britische, 1977 in Deutschland geborene, Autor, Tom Harper, verknüpft in seinem Mystery-Thriller "Der vergessene Tempel" die Suche nach einem fiktiven Element aus dem Weltall mit Archäologie und dem Mythos um Achilles, Odysseus und Troja. Der Thriller spielt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich in Griechenland und führt auch Leser, die Homers "Ilias" bisher kaum kannten, durch ein über die Geschichte gewecktes Interesse an den Stoff um den Kampf um Troja heran.

Tom Harper: Der vergessene Tempel - der Inhalt

Nachdem ein sterbender Archäologe auf Kreta dem ehemaligen Elitesoldaten, Sam Grant, ein Notizbuch zugesteckt hat, gerät dieser, wie seine Gefährtin, Marina, und der Professor, Reed, in die Schusslinie sowohl von russischen als auch amerikanischen Agenten. Als sich herausstellt, dass das Notizbuch wie auch eine gefundene Tontafel mit eingeritzten Bildern und einem Text in der bis dato noch nicht entschlüsselten mykenischen Sprache mit der Bezeichnung "Linear B", ein Geheimnis enthält, das mit Achilles zu tun hat, stellt sich auch heraus, warum Russen wie Amerikaner hinter dem Geheimnis her sind. Der Schild des Achilles, der mit ihm begraben worden war, soll aus einem Metall bestehen, das einst in Form eines Meteoriten auf die Erde kam und die Sprengkraft von Atombomben gewaltig vergrößern können soll.

Homers "Ilias" und der Trojanische Krieg

Bei der Suche nach dem Schild des Achilles zitiert Tom Harper immer wieder aus Homers "Ilias" und führt so den Leser über diese Suche an den Mythos über Achilles, Odysseus und den Krieg um Troja heran, obgleich vor allem Wolfgang Petersens Verfilmung der Geschichte um Troja, die sich an der "Ilias" orientierte, diesen Mythos den Cineasten vor allem näher brachte. Stars wie Brad Pitt als Achilles, Sean Bean als Odysseus, Orlando Bloom als Paris, Eric Bana als Hektor und Diane Kruger als Helena, hauchten dem Mythos um den Trojanischen Krieg Leben ein und übersetzten so die "Ilias" für ein breites Publikum. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Geschichte um Prinz Paris und die schöne Helena, beziehungsweise die große List des Odysseus oder der Tod des großen Achilles wirklich der Wahrheit entspricht.

Schliemanns Troja - Mythos oder historisches Faktum?

Nachdem Heinrich Schliemann zwischen 1870 und 1873 die antike Stadt, Troja, die bis dato als Mythos galt, wie die ganze Geschichte, die Homer in der "Ilias" niederschrieb, ausgegraben hat, dachte man, der Mythos sei tatsächlich zumindest zum Teil Realität geworden. Wie sich aber herausstellte, ist bis heute in Fachkreisen umstritten, ob es sich bei Schliemanns Fund tatsächlich um Troja handelt. Und auch seine Entdeckung des Schatzes des Priamos ist umstritten. Noch heute wird deshalb bezweifelt, dass Homers "Ilias" tatsächlich historische Tatsachen schildert, die er zwar etwas ausschmückte, um die Geschichte aufzupeppen, aber dennoch zum Großteil wahr sein sollen. Ein Mythos gilt nun einmal als Verknüpfung von Dichtung und Wahrheit; soll also zumindest ein Körnchen Wahrheit enthalten.

Wenn ein Mythos wahr wird...

„Jeder Mythos erzählt, wie eine Realität entstand, sei es nun die totale Realität, der Kosmos oder nur ein Teil davon: Eine Insel, eine Pflanzenart, eine menschliche Einrichtung,“ sagte der rumänische Religionswissenschaftler und Philosoph Mircea Eliade im Jahr 1957 und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Aber wenn ein Mythos erzählt, wie eine Realität entstand, ist es nahe liegend einen Mythos, wie den um den Trojanischen Krieg, tatsächlich einen realen Kern zuzusprechen. Wenn Schliemann die Stadt Troja, trotz aller Zweifel, wirklich gefunden hat, scheint zumindest der Schauplatz der Geschichte eine historische Tatsache zu sein. Und genau dies macht die Wirkung eines Mythos aus, denn ein solcher Fund bestätigt das Körnchen Wahrheit, welches die Faszination eines Mythos am Ende aufrecht hält und eben nicht zerstört. Würde nun aber der Trojanische Krieg als historische Tatsache gelten, verliert die Geschichte ihre Faszination und was übrig bleibt ist Fakt und übertrieben wirkende Ausschmückung, die am Ende nur mehr lächerlich wirkt.

Die Entschlüsselung der Silbenschrift "Linear B"

Während in Tom Harpers Thriller Professor Reed die alte Sprache der Mykener, die als "Linear B" bezeichnet wird, Ende der 40er Jahre in einem Hotelzimmer entschlüsselt, wurde die Silbenschrift der Mykener tatsächlich erst 1952 von Michael Ventris und John Chadwick entziffert. Funde von "Linear B" auf Tontafeln lassen darauf schließen, dass diese Sprache von den Mykenern zwischen dem 15. und dem 12. Jahrhundert vor Christus gesprochen wurde, weshalb der trojanische Krieg in diese griechische Sprachperiode fällt. Homer dagegen, dessen Lebenszeit im 8. Jahrhundert vor Christus angesiedelt wird, sprach und schrieb bereits Altgriechisch, weshalb Harper in seinem Thriller die Schriftfunde, die auf Achilles und Troja hindeuten, richtig eingeordnet hat.

Mykene und Schliemann

Auch Mykene findet sich immer wieder in Zusammenhang mit Heinrich Schliemann, der über Ausgrabungen versuchte den Mythos der "Ilias" zu einem historischen Faktum zu machen.Nach seinen Ausgrabungen, um Troja zu finden, suchte er von 1874 bis 1876 in Mykene weiter, um das Grab von Agamemnon zu finden. Bekannt wurde hier sein von ihm so bezeichneter Fund der goldenen Totenmaske des Agamemnon. Neuere Untersuchungen ergaben aber, dass die Maske schon älter sein und aus dem 15. Jahrhundert stammen soll. Agamemnon dagegen soll erst zwischen 1200 und 1100 vor Christus, dem Mythos nach, gelebt haben. Schliemanns Versuche, den Mythos um Troja durch Ausgrabungen historisch zu fundieren, sind also als gescheitert zu betrachten. Doch sie machen diesen Mythos gerade deshalb weiterhin interessant, weshalb er bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.

Tom Harper: Der vergessene Tempel, rororo (Rowohlt Verlag), Hamburg 2009, 464 Seiten, 9,95 €

Bettina Ickelsheimer, Bettina Ickelsheimer

Bettina Ickelsheimer - Kurzvita: Bettina Ickelsheimer wurde 1973 in Rothenburg ob der Tauber geboren. Nach dem Abitur im Jahr 1994 studierte sie Philosophie, ...

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